In memoriam Rita Süssmuth – Für Bildung im Schöffenamt
Prof. Dr. Rita Süssmuth ist am 1. Februar 2026 im Alter von 88 Jahren verstorben. Als renommierte Wissenschaftlerin – Professorin für Erziehungswissenschaft – wechselte sie in die Politik und wurde 1985 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 zusätzlich für Frauen) im Kabinett von Helmut Kohl. Somit war sie die erste Frauenministerin auf Bundesebene. Von 1987 bis 2002 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1988 bis 1998 dessen Präsidentin. In der CDU hat sie Maßstäbe für die Gleichstellung der Frau gesetzt. In etlichen Fragen war sie ihrer Partei zu liberal. So trat sie für das Abtreibungsrecht ein und kämpfte gegen die Ausgrenzung von Aids-Kranken. Neben und auch nach ihrer politischen Laufbahn übernahm sie zahlreiche ehrenamtliche Funktionen. Von 1988 bis 2015 setzte sie sich als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) und danach als Ehrenpräsidentin des Verbandes für Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen ein.1
Zu ihren Aktivitäten zählte auch die Zusammenarbeit mit dem Bundesverband ehrenamtlicher Richterinnen und Richter, indem sie mehrere Kampagnen („Bündnis für Schöffen“, „Tag des Schöffen“, „Fit fürs Schöffenamt“) unterstützte, um geeignete Personen für das Schöffenamt zu mobilisieren und in Einführungsveranstaltungen die Grundlagen des Amtes zu vermitteln. Im Geleitwort zum ersten Band der Reihe „Fit fürs Schöffenamt“ schrieb sie: „Das Schöffenwesen in Deutschland folgt einem zutiefst demokratischen Prinzip, indem es durch die direkte Beteiligung des Volkes transparente und bürgernahe Gerichtsverfahren garantiert. Ich meine, dass das Prinzip der Laienbeteiligung in unserer Rechtskultur tatkräftige Unterstützung verdient, die allerdings längst noch nicht oder nicht überall selbstverständlich ist.“2 Dass die Bildungsarbeit in diesem staatlichen Ehrenamt auch eine Aufgabe der Erwachsenenbildung – daher der Volkshochschulen – sei, ist der Argumentationskraft von Rita Süssmuth geschuldet, sodass die Volkshochschulen heute verstärkt Kurse für Interessenten und Amtsinhaber im Kanon der politischen Bildung anbieten.
Für ihr Engagement wurde Rita Süssmuth am 22. Februar 2013 im großen Protokollsaal des Deutschen Bundestages mit dem Deutschen Schöffenpreis des Bundesverbandes ehrenamtlicher Richterinnen und Richter ausgezeichnet, der von Hasso Lieber, dem ehemaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes, überreicht wurde.3 In ihrer Erwiderung auf die Laudatio von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert betonte Rita Süssmuth die Bedeutung von Bildung als Fundament der Demokratie: „Von Herkunft und Ausbildung sage ich: Du musst über Wissen verfügen. Aber ich habe geradezu existenziell erfahren, dass man mehr braucht. Du musst wissen, wo Du als Mensch stehst, was du verantwortest, wie Du die einen schützt und die anderen nicht preisgibst zur Ausgrenzung.“ Aufgrund eigener Erfahrungen äußerte sie sich auch zur Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Laien mit „gelebtem Erfahrungswissen“: „Kann man denn überhaupt hineinschauen in die Kompliziertheit des Rechtswesens? Muss ich nicht trennscharf unterscheiden zwischen (professionellem) Recht und (gefühlter) Gerechtigkeit? Ich bin nicht dazu bereit. Man treffe die akademische Unterscheidung. Aber wie soll es Gerechtigkeit geben, wenn es kein Recht gibt? Dann sind wir ganz schnell bei der Willkür. (…) Wenn wir nur noch zu Spezialisten werden, mögen wir tolle Kopfmenschen sein. Wir brauchen aber die Persönlichkeit, als Menschen wie als Demokraten.“ Schöffinnen und Schöffen haben Rita Süssmuth viel zu verdanken. (us)

Übergabe des Deutschen Schöffenpreises an Rita Süssmuth | Foto: © Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Bundestages
Der Stahlbildhauer Christian Roehl hat die Skulptur für die Preisträgerin „Lebenslinie“ genannt und zur Charakterisierung von Rita Süssmuth folgende Leitgedanken zugrunde gelegt: „Klarheit im Denken und Handeln – Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit – sichtbare Ausstrahlung.“
- Nachruf des DVV: Prof. Dr. Rita Süssmuth, Abschied von einer Kämpferin [Abruf: 20.2.2026]. ↩︎
- Hasso Lieber, Das Schöffenamt – Rechte und Pflichten der Schöffen, 2005. ↩︎
- Dokumentation: Eröffnungsansprache von Hasso Lieber, Ein Jahrzehnt Einsatz für das Schöffenamt, RohR 2013, S. 44-49; Laudatio von Norbert Lammert, Professionalität und demokratische Legitimation, RohR 2013, S. 49-53; Erwiderung von Rita Süssmuth, Bildung und Verantwortung, RohR 2023, S. 53-56; Rita Süssmuth erhält im Bundestag den Schöffenpreis, Deutscher Bundestag/Webarchiv [Abruf: 20.2.2026]. ↩︎
Zitiervorschlag: Ursula Sens, In memoriam Rita Süssmuth – Für Bildung im Schöffenamt, in: LAIKOS Journal Online 3 (2025) Ausg. 4, S. 148.