A. Brorhilker; T. Bünger: Cum/Ex, Milliarden und Moral
Anne Brorhilker; Traudl Bünger: Cum/Ex, Milliarden und Moral. Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt. München: Heyne 2025. 271 S. Print-Ausg.: ISBN 978-3-453-21911-3 € 24,00
Die Ex-Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker gibt einen Einblick in die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden, wie sie die wenigsten kennen. Statt um Mord und Totschlag geht es um Geld – um sehr viel Geld. Dabei gelingt es ihr, in der unaufgeregten Erzählung ihres Alltags eine ganz eigene Spannung zu erzeugen. Diese besteht nicht nur darin, ihre Arbeit an einem Fall zu schildern, der zu Beginn einen Schaden von etwa 460 Millionen Euro vermuten ließ und schlussendlich bei 40 Milliarden Euro landete. Im Kontrast hierzu muss sie für die Vorbereitung von 280 Durchsuchungen in 14 europäischen Staaten zum Druck der Beschlussausfertigungen von 7.000 Seiten mit einem langsamen „Büromöhrchen“ auskommen. Auf der Gegenseite steht eine Macht, die mit großem personellem und intellektuellem Aufwand betrügerische Kreisgeschäfte zur Generierung ungerechtfertigter Steuererstattungen als „Marktineffizienzen“ darstellt, durch Platzierung von Fachaufsätzen und Buchveröffentlichungen eine herrschende Meinung darzustellen versucht und vor der Beeinflussung des Gesetzgebers nicht zurückschreckt. En passant wirft Brorhilker immer wieder einen Blick auf den Zustand der deutschen Justiz. Richter und Staatsanwälte werden im Alter von Mitte/Ende 20 in den Staatsdienst eingestellt und haben in der Regel nicht – wie die Berufskollegen in den meisten ausländischen Staaten – vor ihrer staatlichen Tätigkeit praktische Erfahrungen als Anwalt oder in der Wirtschaft gesammelt. Sie beschränkt sich nicht nur auf die Darstellung des reinen Kriminalfalles – der auch dann ein solcher ist, wenn die Tat in teuren Anzügen und Seidenkrawatten begangen wird –, sondern setzt ihre Ermittlungen in den gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenhang, in dem sie zu verstehen sind. Dem Leser wird zudem ein kritischer Blick auf den Gesetzgeber vermittelt, wenn dieser mit hehren Zielen wie „Entbürokratisierung“ operiert, mit der bloßen Verkürzung von Aufbewahrungsfristen für Akten aber zunächst einmal die beschleunigte Verjährung von Straftaten fördert. Das Buch ist mehr als nur die Schilderung einer strafbaren Handlung. Es schildert eine Lebenseinstellung maßloser Gier, die in kurzer Zeit mehr Schaden anrichtet als 100.000 Ladendiebe in ihrem ganzen Leben – sich aber weitgehender Achtung gewiss sein darf. (hl)
Zitiervorschlag: Hasso Lieber, A. Brorhilker; T. Bünger: Cum/Ex, Milliarden und Moral [Rezension], in: LAIKOS Journal Online 3 (2025) Ausg. 3, S. 112.